Wandsticker

Wandsticker

Wandsprüche oder Wandsticker für die Wand aus dem Hearteliershop. „Warum nur bin ich anders? Weil ich kein Wandtattoo bin!“ Die Wandsprüche aus dem Hearteliershop wünschen es, nicht mit den bereits bekannten Wandtattoos verwechselt zu werden. Sie sind weder ein Baum noch ein Sternenhimmel. Es handelt sich hier um Verse, Gedichte oder Texte, die Sabine geschrieben hat und die als filigraner Folienplott an die Wand gebracht werden. Dort streckt sich der Vers bahnenartig über die Fläche. Der Text sieht teilweise aus wie handgeschrieben, dennoch seine Folie intensiv leuchtet. Auch hier verwendet Sabine gerne neonfarbige Folien. Ihr Wunsch ist es, auch die jungen designaffinen Käufer mit der Lyrik und der Poesie zu begeistern. Deshalb: Poesie in grell!

Die „Schreiberei“ fesselte Sabine bereits sehr früh. Mit elf Jahren schrieb sie ihre erste Kurzgeschichte, gründete dann eine Schülerzeitung und arbeitete später als freie Redakteurin. Die Autoren John Irving und Haruki Murakami zeichneten ihren Stil. „Ihre blühende Fantasie und ihr faszinierender Ausdruck fesseln mich“, so die Gründerin von Heartelier. In ihren Versen bringt sie gerne eine fiktive Welt zu Blatt. Auch hier, ähnlich wie bei den Collagen, spielt sie mit den Gegensätzen. Bittersüß sind ihre Geschichten oft und stets mit einer Prise Ironie versehen...

WANDSTICKER

Linda erwachte langsam aus einem tiefen Schlaf. Ihre Knochen schmerzten von dem harten Boden, ihre Augen waren geschwollen und brannten. Nur schwer konnte sich Linda erheben, ihr schmerzverzehrtes Gesicht schaute erneut auf die Trümmer von Christl. Linda konnte nicht mehr weinen. Sie fühlte nichts als eine vollkommene Leere in ihrer Magengegend. Ihr Herz war schwer. Aber das war kein war direkter Schmerz. Es war einfach irgendwie schwer wie ein Stein, ein Fremdkörper, der einen falschen Platz in Lindas Leib eingenommen hatte. Die nächsten sieben Tage würde Linda nicht essen, kaum trinken, nicht duschen. Nur schlafen. Sie verdunkelte die Fenster und schlief in einem der drei Gästezimmer. Christl lag unverändert weiterhin am Boden.

EIN WANDSTICKER DRÜCKT TIEFE GEFÜHLE AUS

Nach sieben Tagen und sieben Nächten rappelte sich Linda wieder auf. Nicht, dass sie neuen Lebensmut bekommen hatte, aber unbedingt sterben wollte sie auch nicht. Wie ein Geist bewegte sie sich sanft und anmutig durch die Räume. Sie trug keine Kleidung, sie hatte auch kein Ziel. Sie ging von Raum zu Raum. An ihrem Rücken zeichneten sich ihre Rippen ab, die darauf hindeuteten, dass Linda eine Menge Gewicht verloren hatte. Sie war schon immer dünn, jetzt war sie dürr. Sie ging die Treppe hinunter in die Küche und hielt vor dem Tisch auf dem Mark sie fast täglich geliebt hatte. „Pah“, schoss es hasserfüllt aus ihrem Mund. Sie konnte wieder sprechen. Mark hatte seit neun Tagen nicht angerufen. Linda öffnete eine Schublade und nahm sich ein Stück Papier und einen Stift. Sie schrieb ein Gedicht:

Liebe Liebe sage mir, hast du mir nicht versprochen?
Verschenk‘ ich erst mein Herz an dich, dann wird es nicht gebrochen.
Nun steh ich hier am Bordsteinrand mit eingefrorenem Blick
Und meine Beine schwer wie Blei, es gibt kein vor und kein zurück!
Mein Kleid im Glanze golden schimmert, doch das ist nur der Schein
Unter dieser Oberfläche, gibt‘s weder Leben noch ein Sein
Um mich herum da wimmelt es, von rabenschwarzen Seelen
Wie Ballons schweben sie über mir, um ihn mitzunehmen
So halte ich ihn einfach fest – an einem seidenen Faden
Und wehe dir, du Ungeheuer, versuchst du’s nur zu wagen!
Auch ohne Herz und ohne Leben, mit trügerischem Schein
Eines kannst du mir nie nehmen, den Traum vom Glücklichsein

Mit diesem Gedicht brachte Linda ihre Trauer zu Blatt.

EIN WANDSTICKER IN NEONPINK SETZT GRELLE AKZENTE

Es sollte später als Wandsticker an Ihrer Wand hängen. Sie brachte den Text zu einem Graphik-Designer, ließ ihn sich zu einer Vektorendatei erstellen und brachte den Vers zu einer Druckerei, die einen Wandsticker als Folienplott aus dem Gedicht machte. Linda entschied sich für die Farbe Neonpink. Sie mochte grelle Farben in Kombination mit filigranen Elementen oder hochwertigen Materialien. Sie klemmte sich den Wandsticker unter den Arm und eilte aus der Tür der Druckerei. Gedankenverloren lief Linda die Straße entlang, passierte einen Uhrenladen und das Hotel in dem sich Lindas Lieblingsbar befand. Als sie plötzlich stehenblieb und auf den Absatz kehrt machte. Sie betrat die Bar, setzte sich an die Theke und bestellte einen Moskow Mule. Den Wandsticker parkte sie vorsichtig auf ihrem Nachbarssitz. Sie berührte ihn so behutsam als wäre er aus Glas das jeden Moment springen könnte. Der Barkeeper zog die Augenbrauen nach oben und versicherte sich: „Einen Moskow Mule? Sind sie sicher?“ „Ja!“, schoss es wie aus der Pistole. Es war elf Uhr am Morgen, Linda war der einzige Gast an der Bar. Der Keeper war sichtlich beunruhigt. „Nichtsmüssen“, rief Linda ihm noch hinterher. Er hörte sie zwar, reagierte aber nicht. Der schüchterne Angestellte war unangenehm berührt, er vermutete, dass Linda wirr war. Er bereitete den Moskow Mule zu und bediente Linda vornehm und zurückhaltend. Linda streichelte die Oberfläche der marmorartigen Theke und stellte fest, dass die Thekenbreite ungefähr dieselbe Breite wie ihr Wandsticker haben dürfte. Ungefragt packte sie den 1,50 langen Wandsticker und breitete ihn der Theke entlang aus. Nun überwand der Barkeeper seine Schüchternheit und fragte: „Sind sie Dichterin?“ Linda nickte mit dem Kopf. „Was genau ist das?“, wollte der Barkeeper wissen. „Ein Wandsticker“ entgegnete Linda wortkarg. „Nun gut,“ dachte sich der Angestellte „Sie ist auf jeden Fall nicht gekommen, weil sie einen Gesprächspartner sucht“. Er wagte einen letzten Versuch. „Warum trinken sie so früh am Morgen?“ „weil ich gerne alkoholisierte Gurken esse“, gab Linda zu verstehen. Er hatte verstanden und ließ Linda in Ruhe. Sie genoss den Cocktail. Sie nippte so vorsichtig an dem Glas, sie zog mit ihren gespitzten Lippen die Luft so lange ein bis sich die Flüssigkeit näherte. Langsam nahm sie dann den Schluck bis der Eiswürfel ihre Lippen berührte und dann stellte sie das Glas wieder ab. Die Gurkenscheiben tauchte Linda mehrfach in ihren Drink und leckte sie dann ab. Sie hatte nicht gelogen als sie sagte, dass sie alkoholisierte Gurken mag.

WO SOLLTE DER WANDSTICKER NUR HÄNGEN?

Linda überlegte sich derweil wo der Wandsticker hängen sollte. Sie war so stolz auf ihren neuen Wandschmuck. Der Schriftzug war so dünn, dass man zwei Mal schauen musste um die Folie zu erkennen. Man könnte glauben, der Wandsticker wäre handgeschrieben. Diese filigrane Präzision, diese reinen Wörter, die leuchtende Folie, die ewig lange Bahn, all diese Eigenschaften ihres Wandstickers faszinierten Linda. Ihre Gefühle umgewandelt in etwas Wunderschönes. Sie empfand diesen Prozess als Therapie. Plötzlich ging es ihr besser. Durchaus hatte auch das halbleere Glas seinen Beitrag dazu geleistet. Nach einer Stunde hatte Linda ihren Cocktail leer getrunken. Sie legte zehn Euro auf die Bar und ging ohne sich zu verabschieden. Sie befand sich in einer anderen Welt. Der Barkeeper befand Linda als ungehobelt und gestört. Er flüsterte ihr ein angesäuertes „Auf Wiedersehen!“ hinterher.

Zurück in der Villa angekommen, breite Linda ihren Wandsticker auf dem Boden im Eingangsbereich aus. Sie lief durch jeden einzelnen Raum um den perfekten Platz für den Wandsticker zu finden. Linda ahnte zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass es nicht der einzige Wandsticker bleiben wird. Hatte sich Linda erst für etwas begeistert, wurde sie schnell von ihrem neuen Hobby besessen. Linda lebte stets in Extremen. Ein gesundes Mittelmaß für eine Tätigkeit oder ein Verhalten zu üben, reizte Linda in keiner Weise. An diesem Tag konnte sie den perfekten Platz nicht finden. Der Wandsticker blieb unverändert am Boden liegen.

EIN WANDSTICKER MUSS NICHT AN DER WAND BEFESTIGT SEIN

Es war bereits spät am Nachmittag und die Sonne war schon lange untergegangen. Linda saß in ihrem Sessel vor dem Kamin und tat nichts. Sie dachte. Ihre Füße lehnten an die Tischkante, ihre langen Beine waren angewinkelt. Linda trug wie immer nur das Hemd ihres Mannes. Das Telefon klingelte. Linda musste nicht einmal ihren Platz verlassen um an den Hörer zu reichen, sie bewegte lediglich langsam ihren rechten Arm, griff den Hörer und hielt ihn an ihr Ohr ohne sich zu melden. „Hallo Schatz?“ sprach es in den Hörer. Mark. Was Mark nicht wusste war, dass Linda nicht mit ihm sprechen wollte. Gleichgültig zog Linda ihre linke Augenbraue in die Höhe und legte den Hörer wieder in die Halterung. Da kam ihr ein Geistesblitz. Sie hatte einen Platz für den Wandsticker gefunden! Sie ging in den Flur, hob den Wandsticker auf, ging die Treppe hinauf in das gemeinsame Schlafzimmer und befestigte den Wandsticker über dem Ehebett an der Decke. Linda ließ sich mit dem Rücken und ausgestreckten Armen auf das Bett fallen, in dem sie zuletzt zusammen mit Mark geschlafen hatte und las den Wandsticker in dieser Nacht so oft bis sie ihn auswendig konnte.

An den folgenden Tagen schrieb sie den Wandsticker „Chocolate Box“, Wandsticker „Freund oder Feind“ und den Wandsticker „weiße Nächte“ nach der gleichnamigen Transliteration von Dostojewski. Alle Wandsticker nahmen verschiedene Plätze in den Räumen der Villa ein. Die Wände des gemeinsamen Liebesnestes von Mark und Linda waren mittlerweile wild geschmückt mit Kunstdrucken, Deko-Geweihen und Wandstickern. Die freien Plätze wurden rar, doch Linda gefiel es. Sie hatte sich eine zauberhafte Familie geschaffen und eine farbenfrohe Villa. Sie fühlte sich pudelwohl in ihrer Welt und ihrem Heim.

Das Licht des Anrufbeantworters blinkte schon seit Tagen. Seit dem Abend an dem Linda den Hörer auflegte. Linda hörte die Nachricht sieben Tage verspätet ab: „Schatz, ich komme nachhause“. Fortsetzung folgt auf der Kategorieunterseite „Tapeten“.

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